Hummelgebrummel                 8. Mai 2013

 

Chaos am Tag der Tage

Ein strahlenblauer Himmel am Morgen, vormittags erste winzige Wölkchen über den Gipfeln und im Internet ein Tipp der Segelflieger aus Schänis: „Sicherlich der beste Tag seit langem.“

Mehr Zutaten braucht es nicht, um in Schnifis die Talstation der Bahn zu verstopfen. Zwischenmenschliche Dramen spielen sich ab: Wanderstöcken bohren sich in pralle Gleitschirmsäcke, während das Räderwerk der Bahn lautstark die verstreichende Zeit zerhackt und Nerven blank scheuert. Die Situation droht zu eskalieren. Während sich über dem Gerach Watteweiß bauscht, quillt unten eine Menschentraube aus dem Warteraum über die Veranda bis zur Stiege hinab.

Toni zeigt stoisches Pflichtbewusstsein, ist empört über die Bitte, 5 Personen in die Gondel zu pferchen. Rechenbeispiele zur erlaubten Transportlast von 400kg schmettert er gnadenlos ab. Einsperren würde man ihn! Das stünde gleich in der Zeitung, wenn die Gondel an der Böschung streifte. Das Schreckensbild ergreift von ihm Besitz, bringt ihn völlig durcheinander, sodass er den verdutzten Fliegern in der Gondel ein „Ins Gefängnis!“ zuruft, bevor er die Tür verriegelt, anstelle schöne Flüge zu wünschen, wie es sonst seine geflissentliche Art ist.

„Ins Gefängnis wollt ihr mich bringen!“

Bei der nächsten Gondel hat sich Toni wieder im Griff, aber die Familie aus Deutschland, die mit Kind und Hund zum Wandern will, ist mit der barschen Aufforderung zum schönen Flug überfordert. Das Töchterlein guckt ängstlich durch die Plexiglasscheibe, als die Gondel entschwebt. Es liegt nun an der Überzeugungskunst der Eltern den Zusammenhang zwischen Bahnfahrt, Absturz und Flug zu leugnen.

 

Dem Inferno entronnen

Im alten VW-Bus, der sich die Steigung zum Startplatz hinaufquält, läuft die Heizung auf vollen Touren. Eine Notmaßnahme, da sonst die Motortemperatur in den roten Bereich klettern würde. Die Insassen schmoren im eigenen Saft. Aber das tut der guten Laune keinen Abbruch. Heute ist der Tag der Tage und in Kürze wird man in eisiger Höhe froh über die Daunenjacke sein. Unten im Tal, wo die Endloskette der parkenden Autos allmählich zu einem schmalen Glitzerband schrumpft, ist auch das Mitleid zurückgeblieben. Man wagt Scherze über die tumultartigen Zustände an der Bahn. Berichtet von angeblichen Notrufen, die bei der Flugschule von verzweifelten Fliegern eingegangen seien, die einen Platz im Schulungsauto ergattern wollten. Und als klar ist, dass der alte Bus auch die letzte Serpentine meistern wird, schleicht sich ein gemeiner Gedanke ein: Es ist vielleicht sogar ein Vorteil, wenn die Bahn den Zustrom zum Startplatz ein bisschen dosiert. Er bleibt unausgesprochen.

 

Holländer am Berg

Der Anblick der Startwiese straft den Egoismus Lügen. Jedes Fleckchen Grün ist mit Gleitschirmen belegt. Sogar der braun gesprenkelte Bereich, in dem der Kuhmist vor sich hin dampft. Holländer haben sich breit gemacht. Ihre seltsam anmutende Starttechnik braucht Platz. Als Flachländer sind sie Windenstarts gewöhnt und vielleicht ist das der Grund, weshalb sie am Startplatz ganz hinten auslegen. Es ist ihnen nicht klar, dass die sanfte Neigung des Geländes ohne Zugseil einen beherzten Sprint erfordert. Und so endet der erste Startversuch in der Mitte des Platzes, wo eifrige Helfer den Schirm wieder auseinanderziehen und gute Tipps geben. Mit dem zweiten Versuch haben sie sich dann bis in die Nähe der Böschungskante vorgearbeitet, wo sie dann beim dritten Anlauf zu ihrem eigenen Erstaunen und unter Applaus ihrer Landsleute plötzlich abheben.

Dieser hinten-mitte-vorne-Startmodus erschwert die Platzwahl für Neuankömmlinge. Es reiht sich Sack an Sack bis an den Asphaltrand des Güterweges hinauf. Aber niemand hat es mehr eilig. Die Holländer saufen nämlich ab. Selbst die Vögel flattern. Einheimische Vögel! Ist dies also nicht der Tag der Tage? Die vereinzelten Cumuluswolken wirken auf einmal fransig, sehen zerrissen aus. Ein schlechtes Zeichen.

Flugschüler starten, gleiten ruhig hinaus. Man achtet auf ihre Schirme, auf Anzeichen von Thermik, die die unerfahrenen Piloten noch gar nicht nutzen könnten. Jede Turbulenz, die sie erschrecken würde, wäre den Wartenden willkommen. Nichts.

Zweifelnde Blicke auf die Uhr. Es ist Mittag. Die Sonne brennt auf den Hang. Der Windsack kringelt sich unentschlossen um seine Stange.

Hat man dafür frei genommen? Schließlich ist Mittwoch, ein gewöhnlicher Arbeitstag für die meisten. Den Wetterbericht sollte man verklagen.

Die Wanderer, die zuvor die Bahn blockiert hatten, stehen mittlerweile am Straßenrand und fragen, auf was man denn nun warte. Schließlich habe es bei der Drängelei an der Talstation geheißen, dass man dringend nach oben müsse, um rechtzeitig abzufliegen. Sonst ginge sich ein Flug nach Landeck nicht mehr aus. Sie selbst wollten ja nur zum Sender hinauf und ließen deshalb die rekordhungrigen Piloten vor. Aber wenn man geahnt hätte, dass die da nur herumstehen….

 

Wann geht’s los?

Plötzlich reißt ein Fingerzeig alle Augen nach oben. Da fliegt einer! Wo kommt denn der her, wo ist der gestartet? Ungläubige Fragen wirbeln durcheinander. Der Pilot kreist und schraubt sich weiter in die Höhe. Ob er ahnt, welche Wirkung sein Steigen auf die Wartenden unter ihm hat? Reißverschlüsse zippen, Segel rascheln, pinkelnde Männer reihen sich breitbeinig wie Spalierobst am Wiesenrand auf, während sich die weniger Nervösen Daunenjacken und Gesichtsmasken überstreifen.

Ich bin skeptisch. Nur weil einer aufdreht, heißt das noch lange nicht, dass ich das auch kann. Neidisch blicke ich auf die Selbstbewussten, die sich zum Start fertig machen. Ihre Vorfreude und Zuversicht stecken mich an. Aber da sehe ich, wie jener Pilot, der die Hektik ausgelöst hat, an Höhe verliert und setze mich wieder ins Gras.

Pech für diejenigen, die bereits in voller Montur dastehen. Selbst wenn der Windsack schlaff am Stab baumelt, sich die Vögel in die Baumkronen retten und alle Anzeichen darauf hindeuten, dass jetzt kein idealer Zeitpunkt ist, werden sie starten, nur um in den Genuss des kühlenden Fahrtwindes zu kommen.

 

Pappenheimer

Die Wanderer ziehen ab. Im festen Glauben, das Fliegerlatein durchschaut zu haben. Ihnen braucht keiner mehr mit solchen Märchen kommen, um sich bei der Bahn vorzudrängeln. Von wegen Landeck!

Zugegeben, das Dümpeln unterm Startplatz sieht nicht rekordverdächtig aus. Dass die Holländer absaufen, war noch nicht als schlechtes Omen interpretiert worden. Aber wenn die cracks mit ihren Sicheln die Waldkante entlang polieren, schwindet jeder Optimismus.

„Das wird heute nichts mehr“, höre ich jemand frustriert sagen. Eine andere Stimme meint, der Pilot vorhin sei wohl der höchste des Tages gewesen.

Wir machen uns gegenseitig verrückt. Die Stimmung ist derart labil, dass sie von einer Minute zur anderen von Euphorie zu Resignation kippt. Ein Späher wird ausgeschickt, um vorne in der Straßenkurve beim Windsack in Richtung Tobel zu linsen. Vielleicht kurbeln sie dort schon auf?! Der Mann kommt mit hängenden Schultern zurück. Worte sind überflüssig.

Ein Handy läutet. „Oje“, sagt der Angerufene nach einer Weile mitfühlend, „das passiert jedem ein Mal. Kannst ja mit der Bahn noch einmal herauf fahren.“ Es folgt eine etwas längere Pause. „OK. Na dann bis zum Abend.“

 

Parawaiting

Man beginnt Konversation zu machen. Irgendwie muss man die Zeit totschlagen. Jemand meint es gut mit mir und lobt mich für den Artikel „Hummelflug“, der allerdings schon ein Jahr zurückliegt. „Schreibst du noch einmal so etwas?“ Gerne, möchte ich antworten, wenn mir wieder so ein schöner Flug gelingt! Aber heute sieht es eher nach Grashüpfen als nach Hummel-Streckenflug-Bedingungen aus. „Dann schreib eben übers Absaufen!“

Solcherart ermutigt, lege ich den Schirm aus und starte ins Ungewisse. Noch bevor ich die Waldkante erreicht habe, bin ich schon über dem Startplatz und das Vario piepst unablässig, begleitet den ersten Vollkreis, den zweiten und dritten und steigert sich zu selten benutzten Tönen. Angespannt erwarte ich das abrupte Ende, das in den letzten Tagen stets in der Thermik lauerte. Aber nichts passiert. Sanft und ruhig trägt mich mein Yeti höher und ich beginne innerlich zu jubeln.

 

Heute ist mein Tag!

In einem Zug kurble ich an Bergstation, Schneise und Sender vorbei, während das Vario konstant 4 Meter Steigen verkündet. Nach weniger als zehn Minuten könnte ich dem Gerach auf den Gipfel spucken, aber Helm und Fahrtwind vermiesen solche Späße. Nachdem ich vor Jahren endlich einmal die Zimba überfliegen konnte, klebte mir der Schlatz bis zur Landung im Gesicht. Emotionale Ausbrüche sind beim Fliegen nicht ratsam.

Neugierig spähe ich nach oben. Direkt über mir wird das Himmelsblau trübe, ein zartes Dunstgewebe spinnt seine Fäden, knäult sich zusammen, formt sich zu dichtem Weiß. Ich bekomme eine eigene Wolke geschenkt! Gleich werde ich feuchte Luft atmen, die Welt wird hinter einem Schleier versinken und sich erst blicken lassen, wenn ich aus dem Wattebausch wieder auftauche.

Die Wolke ist klein und harmlos und es gibt in weitem Umkreis nur uns beide. Nichts wird diese hübsche Spielerei verderben. Aber halt, was soll das? Mein Yeti bockt, das Vario senkt die Stimme zu kläglichem Gejammer. Nebelfäden seilen sich vom Wolkenrand ab, verhängen den Horizont mit Fransen. Ich gebe nicht auf, es fehlen nur wenige Meter! Plötzlich ist kein Druck mehr auf den Steuerleinen, die Hände sacken nach unten, wann kommt endlich wieder Kontakt? Das Tuch über mir knallt, ich pendle zur Seite und nach einer Schrecksekunde fliegt der Yeti wieder. Zornig blicke ich nach oben. In der Wolkenmitte zeichnet sich die Sonnenscheibe ab, Licht blendet, wo dunkles Grau vorherrschen sollte. Das Vario meldet Sinkalarm, als wüsste ich nicht schon längst, was los ist. Das Rendezvous mit der Wolke ist geplatzt. Egal. Es hätte ohnehin nur erhobene Zeigfinger-Kommentare provoziert. Außerdem gibt es noch andere hübsche Cumuli am Himmel.

 

Gute Selbsteinschätzung

Mit 2500 Metern Höhe reite ich dem Walserkamm entlang. Als erstes Ziel peile ich Faschina an, am Zitterklapfen werde ich umkehren, vom Hüttenkopf aus den sinnlosen Fraßen überfliegen um bei der Elsa aufzudrehen, danach das Klostertal auskundschaften und als Draufgabe vielleicht noch den Arlberg knacken.

Es irritiert mich ein wenig, dass der Walserkamm wolkenlos ist. Aber eine Antwort ist gleich gefunden: Die Thermik wird sich just in dem Moment bilden, wenn ich den nächsten Gipfel erreicht habe. Denn heute ist mein Tag! Manchmal hat man eben den Rhythmus raus: Aufdrehen, bis sich die Wolke auflöst, weiterfliegen zum nächsten Lift. Hinein ins Blaue!

 

Mein Yeti fliegt 50 km/h. Ich unterdrücke alle Bedenken. Mag sein, dass der Rückflug etwas mühsam wird, aber ich bin eine Kämpfernatur. Heute bremst mich kein Gegenwind!

Der Hüttenkopf zieht unter mir durch, das Vario schweigt. Egal. Wenn ich jeden Bart auskurbeln würde, käme ich nicht vom Fleck. Ein weiterer Gratzacken gleitet in aller Stille vorbei. Der Abstand schrumpft, die Höhenmeter am Vario purzeln. Je näher ich dem Bergrücken komme, desto länger dehnen sich die Seitentäler ins Walsertal hinaus. Der Himmel ist mitleidlos blau. Feigling, schimpfe ich mich selbst, so wirst du nie ein Streckencrack. Außerdem geht’s am Falvkopf immer. Da vorne ist er schon!

Der Grat ist zum Greifen nah, ich muss ihn nur noch überfliegen, dahinter brüten steile Wiesenhänge die Thermik aus! Sinkalarm. Ausgerechnet jetzt, fluche ich. Ins Speed steigen? Bringt’s das beim Yeti? Halbherzig trete ich den Bügel nach unten. Die Gratlinie wächst trotzdem in die Höhe, frisst immer mehr von der dahinterliegenden Landschaft auf. Mein Gleitwinkel ist zu schlecht, ich komme nicht drüber. Nervös werfe ich einen Blick nach rechts, hinaus ins Walsertal und sehe einen tiefen Graben und viele Bäume. Eine Schlucht aus Wald. Jetzt gewinnt die mahnende Stimme in mir Oberhand. Aber ich will sie nicht hören, es ist doch mein Tag! Der Arlberg ruft!

Ein kleiner Heber gibt mir Hoffnung, ich muss mich bloß über den Grat retten. Die Bäume werden immer höher, verdammt, ich bin gezwungen abzudrehen. Es fehlten höchstens 50 Meter.

Meine Überheblichkeit, die die Vorsicht vorhin Feigling schimpfte, fragt nun kleinlaut, ob es besser sei der steilen Flanke entlangzureiten, oder es über der Grabenmitte zu probieren. Die Flanke ist ein Westhang, Thermik ist dort nicht zu erwarten. In der Schlucht lauert eventuell der heftiger Gegenwind. Was sagt die Vorsicht dazu? Schweigen. Sie fürchtet sich. Feigling war also berechtigt.

 

Die Erkenntnis

Ich bleibe an der Flanke, hoffe auf ein Wunder. Es passiert keines. Mit Hilfe der letzten Baumwipfel am Ende des schluchtartigen Tales lege ich mir eine Peillinie fest, um meinen Gleitwinkel abzuschätzen. Mal bin ich drunter, mal drüber. Es bleibt spannend. Ich möchte vor Unruhe zappeln, strecke aber meine Beine stromlinienförmig geradeaus. Nur ja keine Gleitzahl einbüßen. Endlich zeigt sich mehr vom Walsertal, Häuser werden sichtbar, es geht sich aus! Wie sehr der Anblick von Blons das Herz erfreuen kann! Ich dachte, nur beim Arlberg würde ich so eine Erleichterung verspüren.

Jetzt, da ich mich gerettet weiß, fliege ich wieder beherzt zum Hang hin. Ich muss auf die Südseite, dort reißt es mich sicher wieder hinauf. Wie zum Beweis setzt über dem Falvkopf eine leichte Kondensation ein.

Aber der Talwind verbläst meine Hoffnung. Das bisschen Thermik verzögert bloß das Absaufen. Ich brauche eine Landewiese.

Nach 50 Minuten Flugzeit stehe ich am Boden. Kurze Zeit bietet das Glücksgefühl, alles heil überstanden zu haben, dem Frust Paroli. Als aber beim Schirmzusammenlegen eine Ablösung das ganze Zeug in die Luft wirbelt und sich gleich darauf über dem Walserkamm eine lückenlose Wolkenstraße ausbildet, keimt Wut auf. Noch rettet mich der Gedanke, dass es anderen auch so ergangen sein könnte. Bis winzige bunte Tupfen über mich hinweg ziehen und meine Illusion zerstören: Nur ich bin abgesoffen.

 Das passiert jedem einmal.

Schreibst eben darüber!

 

Chaos am Tag der Tage

Ein strahlenblauer Himmel am Morgen, vormittags erste winzige Wölkchen über den Gipfeln und im Internet ein Tipp der Segelflieger aus Schänis: „Sicherlich der beste Tag seit langem.“

Mehr Zutaten braucht es nicht, um in Schnifis die Talstation der Bahn zu verstopfen. Zwischenmenschliche Dramen spielen sich ab: Wanderstöcken bohren sich in pralle Gleitschirmsäcke, während das Räderwerk der Bahn lautstark die verstreichende Zeit zerhackt und Nerven blank scheuert. Die Situation droht zu eskalieren. Während sich über dem Gerach Watteweiß bauscht, quillt unten eine Menschentraube aus dem Warteraum über die Veranda bis zur Stiege hinab.

Toni zeigt stoisches Pflichtbewusstsein, ist empört über die Bitte, 5 Personen in die Gondel zu pferchen. Rechenbeispiele zur erlaubten Transportlast von 400kg schmettert er gnadenlos ab. Einsperren würde man ihn! Das stünde gleich in der Zeitung, wenn die Gondel an der Böschung streifte. Das Schreckensbild ergreift von ihm Besitz, bringt ihn völlig durcheinander, sodass er den verdutzten Fliegern in der Gondel ein „Ins Gefängnis!“ zuruft, bevor er die Tür verriegelt, anstelle schöne Flüge zu wünschen, wie es sonst seine geflissentliche Art ist.

„Ins Gefängnis wollt ihr mich bringen!“

Bei der nächsten Gondel hat sich Toni wieder im Griff, aber die Familie aus Deutschland, die mit Kind und Hund zum Wandern will, ist mit der barschen Aufforderung zum schönen Flug überfordert. Das Töchterlein guckt ängstlich durch die Plexiglasscheibe, als die Gondel entschwebt. Es liegt nun an der Überzeugungskunst der Eltern den Zusammenhang zwischen Bahnfahrt, Absturz und Flug zu leugnen.

 

Dem Inferno entronnen

Im alten VW-Bus, der sich die Steigung zum Startplatz hinaufquält, läuft die Heizung auf vollen Touren. Eine Notmaßnahme, da sonst die Motortemperatur in den roten Bereich klettern würde. Die Insassen schmoren im eigenen Saft. Aber das tut der guten Laune keinen Abbruch. Heute ist der Tag der Tage und in Kürze wird man in eisiger Höhe froh über die Daunenjacke sein. Unten im Tal, wo die Endloskette der parkenden Autos allmählich zu einem schmalen Glitzerband schrumpft, ist auch das Mitleid zurückgeblieben. Man wagt Scherze über die tumultartigen Zustände an der Bahn. Berichtet von angeblichen Notrufen, die bei der Flugschule von verzweifelten Fliegern eingegangen seien, die einen Platz im Schulungsauto ergattern wollten. Und als klar ist, dass der alte Bus auch die letzte Serpentine meistern wird, schleicht sich ein gemeiner Gedanke ein: Es ist vielleicht sogar ein Vorteil, wenn die Bahn den Zustrom zum Startplatz ein bisschen dosiert. Er bleibt unausgesprochen.

 

Holländer am Berg

Der Anblick der Startwiese straft den Egoismus Lügen. Jedes Fleckchen Grün ist mit Gleitschirmen belegt. Sogar der braun gesprenkelte Bereich, in dem der Kuhmist vor sich hin dampft. Holländer haben sich breit gemacht. Ihre seltsam anmutende Starttechnik braucht Platz. Als Flachländer sind sie Windenstarts gewöhnt und vielleicht ist das der Grund, weshalb sie am Startplatz ganz hinten auslegen. Es ist ihnen nicht klar, dass die sanfte Neigung des Geländes ohne Zugseil einen beherzten Sprint erfordert. Und so endet der erste Startversuch in der Mitte des Platzes, wo eifrige Helfer den Schirm wieder auseinanderziehen und gute Tipps geben. Mit dem zweiten Versuch haben sie sich dann bis in die Nähe der Böschungskante vorgearbeitet, wo sie dann beim dritten Anlauf zu ihrem eigenen Erstaunen und unter Applaus ihrer Landsleute plötzlich abheben.

Dieser hinten-mitte-vorne-Startmodus erschwert die Platzwahl für Neuankömmlinge. Es reiht sich Sack an Sack bis an den Asphaltrand des Güterweges hinauf. Aber niemand hat es mehr eilig. Die Holländer saufen nämlich ab. Selbst die Vögel flattern. Einheimische Vögel! Ist dies also nicht der Tag der Tage? Die vereinzelten Cumuluswolken wirken auf einmal fransig, sehen zerrissen aus. Ein schlechtes Zeichen.

Flugschüler starten, gleiten ruhig hinaus. Man achtet auf ihre Schirme, auf Anzeichen von Thermik, die die unerfahrenen Piloten noch gar nicht nutzen könnten. Jede Turbulenz, die sie erschrecken würde, wäre den Wartenden willkommen. Nichts.

Zweifelnde Blicke auf die Uhr. Es ist Mittag. Die Sonne brennt auf den Hang. Der Windsack kringelt sich unentschlossen um seine Stange.

Hat man dafür frei genommen? Schließlich ist Mittwoch, ein gewöhnlicher Arbeitstag für die meisten. Den Wetterbericht sollte man verklagen.

Die Wanderer, die zuvor die Bahn blockiert hatten, stehen mittlerweile am Straßenrand und fragen, auf was man denn nun warte. Schließlich habe es bei der Drängelei an der Talstation geheißen, dass man dringend nach oben müsse, um rechtzeitig abzufliegen. Sonst ginge sich ein Flug nach Landeck nicht mehr aus. Sie selbst wollten ja nur zum Sender hinauf und ließen deshalb die rekordhungrigen Piloten vor. Aber wenn man geahnt hätte, dass die da nur herumstehen….

 

Wann geht’s los?

Plötzlich reißt ein Fingerzeig alle Augen nach oben. Da fliegt einer! Wo kommt denn der her, wo ist der gestartet? Ungläubige Fragen wirbeln durcheinander. Der Pilot kreist und schraubt sich weiter in die Höhe. Ob er ahnt, welche Wirkung sein Steigen auf die Wartenden unter ihm hat? Reißverschlüsse zippen, Segel rascheln, pinkelnde Männer reihen sich breitbeinig wie Spalierobst am Wiesenrand auf, während sich die weniger Nervösen Daunenjacken und Gesichtsmasken überstreifen.

Ich bin skeptisch. Nur weil einer aufdreht, heißt das noch lange nicht, dass ich das auch kann. Neidisch blicke ich auf die Selbstbewussten, die sich zum Start fertig machen. Ihre Vorfreude und Zuversicht stecken mich an. Aber da sehe ich, wie jener Pilot, der die Hektik ausgelöst hat, an Höhe verliert und setze mich wieder ins Gras.

Pech für diejenigen, die bereits in voller Montur dastehen. Selbst wenn der Windsack schlaff am Stab baumelt, sich die Vögel in die Baumkronen retten und alle Anzeichen darauf hindeuten, dass jetzt kein idealer Zeitpunkt ist, werden sie starten, nur um in den Genuss des kühlenden Fahrtwindes zu kommen.

 

Pappenheimer

Die Wanderer ziehen ab. Im festen Glauben, das Fliegerlatein durchschaut zu haben. Ihnen braucht keiner mehr mit solchen Märchen kommen, um sich bei der Bahn vorzudrängeln. Von wegen Landeck!

Zugegeben, das Dümpeln unterm Startplatz sieht nicht rekordverdächtig aus. Dass die Holländer absaufen, war noch nicht als schlechtes Omen interpretiert worden. Aber wenn die cracks mit ihren Sicheln die Waldkante entlang polieren, schwindet jeder Optimismus.

„Das wird heute nichts mehr“, höre ich jemand frustriert sagen. Eine andere Stimme meint, der Pilot vorhin sei wohl der höchste des Tages gewesen.

Wir machen uns gegenseitig verrückt. Die Stimmung ist derart labil, dass sie von einer Minute zur anderen von Euphorie zu Resignation kippt. Ein Späher wird ausgeschickt, um vorne in der Straßenkurve beim Windsack in Richtung Tobel zu linsen. Vielleicht kurbeln sie dort schon auf?! Der Mann kommt mit hängenden Schultern zurück. Worte sind überflüssig.

Ein Handy läutet. „Oje“, sagt der Angerufene nach einer Weile mitfühlend, „das passiert jedem ein Mal. Kannst ja mit der Bahn noch einmal herauf fahren.“ Es folgt eine etwas längere Pause. „OK. Na dann bis zum Abend.“

 

Parawaiting

Man beginnt Konversation zu machen. Irgendwie muss man die Zeit totschlagen. Jemand meint es gut mit mir und lobt mich für den Artikel „Hummelflug“, der allerdings schon ein Jahr zurückliegt. „Schreibst du noch einmal so etwas?“ Gerne, möchte ich antworten, wenn mir wieder so ein schöner Flug gelingt! Aber heute sieht es eher nach Grashüpfen als nach Hummel-Streckenflug-Bedingungen aus. „Dann schreib eben übers Absaufen!“

Solcherart ermutigt, lege ich den Schirm aus und starte ins Ungewisse. Noch bevor ich die Waldkante erreicht habe, bin ich schon über dem Startplatz und das Vario piepst unablässig, begleitet den ersten Vollkreis, den zweiten und dritten und steigert sich zu selten benutzten Tönen. Angespannt erwarte ich das abrupte Ende, das in den letzten Tagen stets in der Thermik lauerte. Aber nichts passiert. Sanft und ruhig trägt mich mein Yeti höher und ich beginne innerlich zu jubeln.

 

Heute ist mein Tag!

In einem Zug kurble ich an Bergstation, Schneise und Sender vorbei, während das Vario konstant 4 Meter Steigen verkündet. Nach weniger als zehn Minuten könnte ich dem Gerach auf den Gipfel spucken, aber Helm und Fahrtwind vermiesen solche Späße. Nachdem ich vor Jahren endlich einmal die Zimba überfliegen konnte, klebte mir der Schlatz bis zur Landung im Gesicht. Emotionale Ausbrüche sind beim Fliegen nicht ratsam.

Neugierig spähe ich nach oben. Direkt über mir wird das Himmelsblau trübe, ein zartes Dunstgewebe spinnt seine Fäden, knäult sich zusammen, formt sich zu dichtem Weiß. Ich bekomme eine eigene Wolke geschenkt! Gleich werde ich feuchte Luft atmen, die Welt wird hinter einem Schleier versinken und sich erst blicken lassen, wenn ich aus dem Wattebausch wieder auftauche.

Die Wolke ist klein und harmlos und es gibt in weitem Umkreis nur uns beide. Nichts wird diese hübsche Spielerei verderben. Aber halt, was soll das? Mein Yeti bockt, das Vario senkt die Stimme zu kläglichem Gejammer. Nebelfäden seilen sich vom Wolkenrand ab, verhängen den Horizont mit Fransen. Ich gebe nicht auf, es fehlen nur wenige Meter! Plötzlich ist kein Druck mehr auf den Steuerleinen, die Hände sacken nach unten, wann kommt endlich wieder Kontakt? Das Tuch über mir knallt, ich pendle zur Seite und nach einer Schrecksekunde fliegt der Yeti wieder. Zornig blicke ich nach oben. In der Wolkenmitte zeichnet sich die Sonnenscheibe ab, Licht blendet, wo dunkles Grau vorherrschen sollte. Das Vario meldet Sinkalarm, als wüsste ich nicht schon längst, was los ist. Das Rendezvous mit der Wolke ist geplatzt. Egal. Es hätte ohnehin nur erhobene Zeigfinger-Kommentare provoziert. Außerdem gibt es noch andere hübsche Cumuli am Himmel.

 

Gute Selbsteinschätzung

Mit 2500 Metern Höhe reite ich dem Walserkamm entlang. Als erstes Ziel peile ich Faschina an, am Zitterklapfen werde ich umkehren, vom Hüttenkopf aus den sinnlosen Fraßen überfliegen um bei der Elsa aufzudrehen, danach das Klostertal auskundschaften und als Draufgabe vielleicht noch den Arlberg knacken.

Es irritiert mich ein wenig, dass der Walserkamm wolkenlos ist. Aber eine Antwort ist gleich gefunden: Die Thermik wird sich just in dem Moment bilden, wenn ich den nächsten Gipfel erreicht habe. Denn heute ist mein Tag! Manchmal hat man eben den Rhythmus raus: Aufdrehen, bis sich die Wolke auflöst, weiterfliegen zum nächsten Lift. Hinein ins Blaue!

 

Mein Yeti fliegt 50 km/h. Ich unterdrücke alle Bedenken. Mag sein, dass der Rückflug etwas mühsam wird, aber ich bin eine Kämpfernatur. Heute bremst mich kein Gegenwind!

Der Hüttenkopf zieht unter mir durch, das Vario schweigt. Egal. Wenn ich jeden Bart auskurbeln würde, käme ich nicht vom Fleck. Ein weiterer Gratzacken gleitet in aller Stille vorbei. Der Abstand schrumpft, die Höhenmeter am Vario purzeln. Je näher ich dem Bergrücken komme, desto länger dehnen sich die Seitentäler ins Walsertal hinaus. Der Himmel ist mitleidlos blau. Feigling, schimpfe ich mich selbst, so wirst du nie ein Streckencrack. Außerdem geht’s am Falvkopf immer. Da vorne ist er schon!

Der Grat ist zum Greifen nah, ich muss ihn nur noch überfliegen, dahinter brüten steile Wiesenhänge die Thermik aus! Sinkalarm. Ausgerechnet jetzt, fluche ich. Ins Speed steigen? Bringt’s das beim Yeti? Halbherzig trete ich den Bügel nach unten. Die Gratlinie wächst trotzdem in die Höhe, frisst immer mehr von der dahinterliegenden Landschaft auf. Mein Gleitwinkel ist zu schlecht, ich komme nicht drüber. Nervös werfe ich einen Blick nach rechts, hinaus ins Walsertal und sehe einen tiefen Graben und viele Bäume. Eine Schlucht aus Wald. Jetzt gewinnt die mahnende Stimme in mir Oberhand. Aber ich will sie nicht hören, es ist doch mein Tag! Der Arlberg ruft!

Ein kleiner Heber gibt mir Hoffnung, ich muss mich bloß über den Grat retten. Die Bäume werden immer höher, verdammt, ich bin gezwungen abzudrehen. Es fehlten höchstens 50 Meter.

Meine Überheblichkeit, die die Vorsicht vorhin Feigling schimpfte, fragt nun kleinlaut, ob es besser sei der steilen Flanke entlangzureiten, oder es über der Grabenmitte zu probieren. Die Flanke ist ein Westhang, Thermik ist dort nicht zu erwarten. In der Schlucht lauert eventuell der heftiger Gegenwind. Was sagt die Vorsicht dazu? Schweigen. Sie fürchtet sich. Feigling war also berechtigt.

 

Die Erkenntnis

Ich bleibe an der Flanke, hoffe auf ein Wunder. Es passiert keines. Mit Hilfe der letzten Baumwipfel am Ende des schluchtartigen Tales lege ich mir eine Peillinie fest, um meinen Gleitwinkel abzuschätzen. Mal bin ich drunter, mal drüber. Es bleibt spannend. Ich möchte vor Unruhe zappeln, strecke aber meine Beine stromlinienförmig geradeaus. Nur ja keine Gleitzahl einbüßen. Endlich zeigt sich mehr vom Walsertal, Häuser werden sichtbar, es geht sich aus! Wie sehr der Anblick von Blons das Herz erfreuen kann! Ich dachte, nur beim Arlberg würde ich so eine Erleichterung verspüren.

Jetzt, da ich mich gerettet weiß, fliege ich wieder beherzt zum Hang hin. Ich muss auf die Südseite, dort reißt es mich sicher wieder hinauf. Wie zum Beweis setzt über dem Falvkopf eine leichte Kondensation ein.

Aber der Talwind verbläst meine Hoffnung. Das bisschen Thermik verzögert bloß das Absaufen. Ich brauche eine Landewiese.

Nach 50 Minuten Flugzeit stehe ich am Boden. Kurze Zeit bietet das Glücksgefühl, alles heil überstanden zu haben, dem Frust Paroli. Als aber beim Schirmzusammenlegen eine Ablösung das ganze Zeug in die Luft wirbelt und sich gleich darauf über dem Walserkamm eine lückenlose Wolkenstraße ausbildet, keimt Wut auf. Noch rettet mich der Gedanke, dass es anderen auch so ergangen sein könnte. Bis winzige bunte Tupfen über mich hinweg ziehen und meine Illusion zerstören: Nur ich bin abgesoffen.

 Das passiert jedem einmal.

Schreibst eben darüber!